Technologie

Versicherung 4.0

„Die ganze Versicherung muss zukunftsfähig sein“

Während einige Branchen bereits hochtechnologisiert sind, steckt der Versicherungsbereich noch in den digitalen Kinderschuhen. Das soll sich ändern. Denn die Digitalisierung und der Trend zur Prozessoptimierung zwingt viele Häuser dazu, gerade jetzt viele Ressourcen auf die Erneuerung der Unternehmens-IT zu verwenden. Vor allem Vertrieb, Datenmanagement und Marketing sollen von den vielen Möglichkeiten profitieren, die soziale Netzwerke und Softwarelösungen bieten.

Experten sind überzeugt: Viel schneller als früher müssen Versicherungen heute auf den Wettbewerb durch Produktvariationen und neue Deckungskonzepte reagieren. Daten rücken in den Mittelpunkt vieler Geschäftsmodelle und damit auch der oft diskutierte Datenschutz – sowie mögliche Haftungsrisiken.

InsureTechs mischen die Versicherungsbranche auf

Online-Vergleichsplattformen verstärken diesen Druck ebenso wie die ständig neue hinzukommenden Marktteilnehmer aus dem Bereich der „InsureTechs“, die sich insbesondere auf die digitale Vermarktung von Versicherungsprodukten spezialisiert haben. Vor allem Start-ups sagen mit innovativen, digitalen Geschäftsmodellen den etablierten Versicherern in diesem Bereich den Kampf an.

Und ihre Position ist gut: Dass Versicherer nur wenig bereit sind, vollständig neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, ist ein grundlegendes Problem. Das zeigte die Studie „Versicherungen im Zeitalter von Digitalisierung und Cyber“ der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG aus dem Jahr 2017, im Rahmen derer 100 Gespräche unter anderem mit Versicherern und Dienstleistern durchgeführt wurden.

Wenn alte Strukturen innovationshemmend sind

„Da ist mit Sicherheit noch Luft nach oben“, kommentiert Oliver von Ameln, Geschäftsführer des Softwareanbieters adesso, den digital zurückhaltenden Versicherungsmarkt. Kurzum: Die Branche ist im Zugzwang, sich von Altbewährtem zu trennen, um agiler zu werden. Andernfalls droht der Verlust von Marktanteilen.

Schließlich haben sich nicht nur die Technologien geändert – auch die Bedürfnisse der Versicherungsnehmer orientieren sich an den digitalen Möglichkeiten. „Kunden beschäftigen sich zunehmend mit neuen Playern, die auf den Markt treten. Da muss man als Versicherer mithalten“, erklärt von Ameln. Unternehmen, die nicht konsequent an digitalen Lösungen arbeiten, könnten in punkto Innovationsgeschwindigkeit nicht mehr mithalten und würden früher oder später von mobileren Anbietern verdrängt.

Der Kunde ist König
Fakt ist: Der Kunde ist König. Und die Kunden verstünden nach Oliver von Ameln zunehmend weniger, warum sie ihre Anträge noch in Papierform einreichen müssten, nur um ihre Rezepte erstattet zu bekommen. Ebenso wenig wie sie Bescheinigungen zum Beispiel für das Finanzamt nur in den Geschäftszeiten des telefonischen Service-Centers erfragen dürfen.

Es ist heute das Ziel moderner Versicherungsunternehmen, zum Beispiel Leistungsanträge von Kunden möglichst automatisiert in Echtzeit zu bearbeiten, zu prüfen, im Zweifelsfall auszuzahlen und den Kunden über die erfolgte Bearbeitung mittels Bescheiden zu informieren.

Dank automatisierter Prozesse soll das tagelange Warten auf einen Brief der Versicherung der Vergangenheit angehören. Für Oliver von Ameln erhalten die Versicherungskunden damit zum ersten Mal einen echten Benefit der Digitalisierungsstrategie – vorausgesetzt, das Datenmanagement stimmt.

Der Experte ist überzeugt, dass auch die digitale Kundenschnittstelle, früher gern durch Apps & Co. realisiert, die Unternehmens-IT vor große Herausforderungen stellt. Mit seinen Produkten will adesso den Medienbruch eliminieren und die klassische, Dokumentenzentrierte „Aktenbearbeitung“ verhindern. Das Ziel: Die Systeme des Versicherers sollen in den direkten Dialog mit dem Kunden gebracht werden.

Wenn sich Versicherer der digitalen Herausforderung stellen

„Nicht nur das Produkt selbst, die ganze Versicherung muss zukunftsfähig sein“, so von Ameln. Das bedeutet, dass alle Geschäftsprozesse im Hintergrund darauf ausgerichtet sein sollten, synchron auf Kundenwünsche und Anfragen zu reagieren.

Wichtig ist dabei zum Beispiel die Integration selbstlernender Systeme, auch „machine-learning“ genannt. Diese sind in der Lage, wiederkehrende Muster besser erkennen, als es ein Sachbearbeiter je könnte. Sie sollen Letztere vor allem bei routinierten Prozessen optimal unterstützen und wichtige Daten extrahieren. Das spart letztendlich viel Geld – und Zeit für das Kerngeschäft.

Dieses Interview wurde in Zusammenarbeit mit The Business Debate Korrespondenten Dr. Martin Roos und unserem Interviewpartner Oliver von Ameln, Geschäftsführer von adesso, gefilmt.

 

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