Sozial

Ganzheitliche Transformation

Was deutsche Unternehmen vom virtuellen Singapur lernen können

Eine Millionenmetropole wird virtuell: Singapur bekommt einen digitalen Zwilling. Myriaden von Daten werden zu einem Abbild verknüpft. Das Projekt ist auch für Mittelständler hierzulande hochspannend.

5,7 Millionen Einwohner auf nur 717 Quadratkilometern Fläche, der zweitgrößte Hafen der Welt, 4300 Wolkenkratzer: Singapur ist eine Stadt der Superlative. Für Asien ist die pulsierende Handelsmetropole im Süden Malaysias das Tor zur Welt. Platz ist Mangelware auf der Insel und so wachsen die Gebäude nicht nur immer weiter in den Himmel, das Eiland wird ständig ausgebaut. Allein für die neuen Hafenterminals werden pro Jahr rekordverdächtige 5,4 Tonnen Sand ins Meer geschüttet – pro Einwohner.

Für ein weiteres ehrgeiziges Projekt werden zwar nicht Tonnen von Sand bewegt, sehr wohl aber Milliarden von Bits und Bytes: Singapur erhält bis Ende des Jahres einen digitalen Zwilling – „Virtual Singapore“. Es sieht auf den ersten Blick aus wie eine Kreuzung aus einem dreidimensionalen Google-Maps und der Computersimulation SymCity. Nur: Es ist kein Spiel.

Zoomt man auf der 3D-Karte in ein Wohngebäude, werden Größe, Energieverbrauch, Baumaterialen, Quadratmeterpreise oder auch die Anzahl der Bewohner und der Parkplätze angezeigt. Zoomt man heraus, lassen sich Daten zu den öffentlichen Verkehrslinien, Staus, dem Wetter oder Notfällen wie Gaslecks abrufen – und dies sind nur einige der Möglichkeiten.

In der virtuellen Welt können Architekten und Stadtplaner sehr genau sehen, wie der Schatten eines neuen Wolkenkratzers fallen würde. Oder wie ein neues Stadion die Verkehrslage und damit die Luftverschmutzung in der Stadt beeinflussen würde. Denn selbst kleine Veränderungen könnten Kettenreaktionen in der dichtbevölkerten Stadt auslösen. Raum für Experimente in der realen Welt sind aufgrund des knappen Platzangebots ohnehin kaum möglich.

 

Die Kräfte der Digitalisierung entfesseln
„Wir digitalisieren nicht nur ein Gebäude, sondern eine Megacity“, sagt Andreas Barth. „Die Informationsdichte ist gewaltig: Es geht um Versorgungswege, Fluchtwege, Wasserleitungen, sogar um Luftströmungen.“ Barth ist Managing Director EuroCentral bei Dassault Systèmes, dem Softwareunternehmen, das für die Umsetzung des Projekts verantwortlich ist.

Die virtuelle Stadt soll alle öffentlich zugängigen Daten bündeln und abrufbar machen. „Erst mit dieser ganzheitlichen Sicht lassen sich die Kräfte der Digitalisierung entfesseln“, erklärt Barth. Und genau dieser Aspekt falle bei vielen deutschen Unternehmen beim Thema Digitalisierung unter den Tisch, so der Experte.

Sicher, das Konzept Industrie 4.0 muss man keinem produzierenden Unternehmen in Deutschland mehr erläutern. An der digitalen Transformation und damit verbunden Effizienz, Innovationskraft und Agilität führt kein Weg vorbei. Konsequent wäre es, das gesamte Wertschöpfungs-Ökosystem durchgängig zu digitalisieren. „Doch erfahrungsgemäß sprechen Engineering, Produktion, Wartung, Logistik und Vertrieb wenig miteinander und haben keine gemeinsame Plattform, auf der sie kooperieren und Daten austauschen können“, sagt Barth.

Laut Marktforschungsunternehmen IDC besitzen nur fünf Prozent der befragten Industrieunternehmen derzeit eine zentrale Datenplattform, die alle Abteilungen entlang der Wertschöpfungskette vernetzt. Das könnte erklären, weshalb der digitale Wandel in Deutschland nur langsam voranschreitet.

Insellösungen überwinden
Die IT-Abteilung allein kann den gordischen Knoten nicht durchschlagen. Denn es sind nicht nur technologische Hürden, die zu bewältigen sind, sondern auch ungelöste Fragen auf der Managementseite. „Wenn eine abteilungsübergreifende Zusammenarbeit funktionieren soll, muss sie nicht nur durch Software, sondern auch durch Menschen, Kompetenzen, Anreizstrukturen und Verantwortlichkeiten hinterlegt werden“, sagt Barth.

Einfacher wird der digitale Wandel, wenn der Fokus der Wertschöpfung weg von Produkten hin zum Kundenerlebnis schwenkt. Bei dem digitalen Großprojekt in Singapur laufen alle Fäden auf der 3DEXPERIENCE Plattform von Dassault Systèmes zusammen. Dieses System kann es auch Mitarbeitern eines mittelständischen Unternehmens ermöglichen, zusammen an einem Produkt zu arbeiten – egal ob Konstrukteur oder Montagearbeiter. Sie entwickeln sich so zu einem riesigen global operierenden Wertschöpfungsteam, das ein gemeinsames Ziel verfolgt. Von der Megacity Singapur können sich also auch Mittelständler aus Deutschland einiges abschauen.

Dieses Interview wurde in Zusammenarbeit mit unserem The Business Debate Korrespondenten Georg Sahnen und unserem Interviewpartner Andreas Barth, Managing Director EuroCentral bei Dassault Systèmes, gefilmt.

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